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Sunset Wattenmeer Run: Mein Erfahrungsbericht zu 251 km Staffel und einer Nacht ohne Schlaf

Autorenbild: Cindy Haase
Cindy Haase
vor 5 Minuten
8 Min. Lesezeit

Wir laufen die letzten Meter gemeinsam ins Ziel in St. Peter-Ording. 22:25 Stunden auf der Uhr, 251 Kilometer hinter uns, sechs Läufe für jede und jeden von uns, dazwischen fast keine Minute echter Schlaf. Es ist nach der Generalprobe von Kufstein nach München der zweite und größere Teil dieses Projekts und er war anders, als ich gedacht hatte.


Das ist mein Erfahrungsbericht zum Altra Sunset Wattenmeer Run. Unser Team ist gemeinsam die 251 Kilometer von Hamburg nach St. Peter-Ording gelaufen. Ich selbst war mit sechs Läufen und rund 49 Kilometern dabei.


Im Vorbericht zur Staffellauf-Vorbereitung hatte ich geschrieben: Du läufst nie frisch. Du läufst immer als zweite oder dritte Version von dir selbst an diesem Tag. Nach dem Altra Sunset Wattenmeer würde ich ergänzen: Irgendwann läufst du als fünfte oder sechste Version von dir selbst. Und die bringt dich am Ende ins Ziel.


zwei Läuferinnen am nächsten Morgen des Altra Sunset Wattenmeer, viel Regen, lange Strecken, fast im Ziel

Freitag, Abfahrt 5:50 Uhr


Freitagfrüh fahren Caro, Nazli und ich mit dem Zug von München nach Hamburg. Kurz nach Mittag kommen wir an. Unser Airbnb liegt ganz in der Nähe des Hauptbahnhofs. Abends geht es noch gemeinsam zum Italiener, bevor wir ziemlich früh ins Bett fallen.


Unser Team besteht aus fünf Läufern: Caro, Nazli, Minh, Valentin und mir. Wir starten als Ultra-Team mit sechs Etappen pro Person, statt der üblichen drei. Am nächsten Morgen bekommen wir unseren Neunsitzer und die Startnummern. Für die nächsten 25 Stunden wird das Auto unser Transportmittel, Umkleide, Esszimmer und zumindest theoretisch auch Schlafplatz.


Pizzaessen beim gemeinsamen Teamabend vor dem Sunset Wattenmeer Run

Vor dem Start trinkt jede und jeder von uns einen Kaffee oder Cappuccino. Keine Ausnahme, das ist Regel Nummer eins. Regel Nummer zwei kommt erst im Laufe der nächsten Stunden dazu, und sie hat mit einem Apfel zu tun, den ich nicht hätte essen sollen. Dazu komme ich noch.


Sunset Wattenmeer Run Start: 12:30 Uhr am Hamburger Fischmarkt


Nazli läuft als Erste los. Wir fahren mit dem Auto zum nächsten Wechselpunkt und sind in Hamburg so langsam unterwegs, dass wir sie gerade noch rechtzeitig einsammeln. Danach übernimmt Valentin. Er läuft grundsätzlich zwischen 4:00 und 4:20 min/km und wirkt entsprechend unbeeindruckt von den 250 Kilometern, die noch vor uns liegen.


Geliehener Neunsitzer von Carl und Carla als Teamauto beim Sunset Wattenmeer Run

Unsere Reihenfolge steht von da an fest: Nazli, Valentin, Minh, Caro, ich, sechsmal hintereinander über den ganzen Tag und die ganze Nacht. Wir fahren zu jedem einzelnen Wechselpunkt, obwohl sich theoretisch auch mehrere Wechsel hätten zusammenlegen lassen. Das haben wir erst hinterher kapiert. Unterwegs schreiben wir uns ständig, wie weit es noch ist, oder schalten das Live-Tracking an, genau wie beim Training.


Letzte Absprache zwischen Nazli und Cindy kurz vor Nazlis Start beim Sunset Wattenmeer Run

Lauf 1: 13,9 km in 1:09:22 Stunde


Gegen 15 Uhr bin ich das erste Mal dran. Alle im Team sind ihren ersten Lauf flott angegangen, ich auch, 4:55 min/km bis zum Flughafen Wedel. Es ist warm, aber es macht Spaß, unterwegs ein paar Leute zu überholen. Im Ziel bekomme ich eine Medaille. Wir wissen bis heute nicht, wofür genau, aber schön war sie.


Streckenansicht Hamburg nach St. Peter Ording für den Staffellauf Altra Sunset Wattenmeer
KI-generiert

Lauf 2: 6,4 km in 31:07 Minuten


Mein zweiter Lauf geht über den Deich, vorbei an sehr vielen Schafen und sehr viel Einsamkeit, direkt in den Sonnenuntergang hinein. Eine der schönsten Abschnitte des ganzen Wochenendes. Ich komme in Glückstadt an, einem kleinen Hafenort an der Elbe.


Cindy beim ersten Lauf über Felder und durch Wald

Nazli übernimmt den Staffelstab und drückt mir im Vorbeilaufen noch schnell einen Apfel in die Hand. Irgendetwas ruft sie mir hinterher, aber ich verstehe kein Wort. Ich habe Hunger, also esse ich den Apfel. Als Nazli später von ihrer Etappe zurückkommt, fragt sie mich, wo eigentlich ihr Apfel geblieben ist. Ähm, welcher Apfel? Offenbar sollte ich den nur kurz halten und nicht gleich aufessen. Ups! Wir mussten beide ziemlich lachen


Mit unserer Verpflegung läuft es nicht ganz nach Plan. Unser Reise-Wasserkocher verweigert den Dienst. Vermutlich bekommt er über USB zu wenig Strom. Besonders ärgerlich, weil ich extra Trek’n Eat Gerichte für den Abend und den nächsten Morgen eingepackt hatte. Ohne heißes Wasser wird daraus natürlich nichts. Also gibt es mal nur Riegel. Davon hatte ich inzwischen wirklich einige. Eine richtige Mahlzeit wäre mir deutlich lieber gewesen, zumal meine Energiereserven langsam aufgebraucht waren.


Lauf 3: 8,6 km in 46:26 Minuten


Lauf Nummer drei geht in die Dunkelheit hinein, über den Deich bis zur Fährüberfahrt in Brunsbüttel. Es hat genieselt, der Untergrund ist rutschig. Ich laufe bewusst etwas langsamer, weil ich keine Lust auf einen umgeknickten Knöchel mitten in der Nacht habe. An der Fähre entdeckt Nazli mich sofort. Unser Auto steht irgendwo in der Warteschlange. Es dauert bis ich es finde.


Schafe auf dem Deich während Cindys zweiter Etappe

Zum Glück hilft mir ein anderes Team mit Crackern und zwei gekochten Eiern aus. Wir hatten uns im Laufe des Tages angefreundet, schließlich begegnet man sich unterwegs immer wieder. Und ich kann euch sagen, diese zwei Eier waren in dem Moment so gut. Für uns als Ultra-Team ist es gar nicht so einfach, unterwegs noch schnell etwas einzukaufen. Zwischen den einzelnen Wechselpunkten bleibt dafür meistens kaum Zeit.


Die Überfahrt mit der Fähre gehört für mich zu den Highlights des Tages. Mitten in der Nacht ist dort richtig was los. Überall Autos, Menschen und jede Menge Betrieb. Damit hatte ich um diese Uhrzeit überhaupt nicht gerechnet.


Während ich auf meiner Etappe unterwegs war, organisierten die anderen dann tatsächlich noch heißes Wasser in einer Kneipe. Meine Rettung. Kurz nach 23 Uhr sitze ich endlich vor meinem Trek’n Eat Reisgericht und freue mich riesig über eine warme Mahlzeit. Nach all den Riegeln, Crackern und dem Apfel schmeckt das köstlich.


Lauf 4: 5,1 km in 25:46 Minuten


Zwischen 1 und 2 Uhr nicke ich kurz im Auto, es regnet stark. 28,9 Kilometer stehen zu dem Zeitpunkt auf meiner Uhr. Mein vierter Lauf führt mich über Felder und entlang einer Bahnstrecke. Mit gerade einmal 5,1 Kilometern ist die Etappe schnell geschafft. Der Regen wird während des Laufs schwächer.


Nachtetappe im Regen, Hamburg nach St. Peter Ording, 4. Lauf nach Friedrichskoog

Danach übergebe ich wieder an Nazli. Vor ihr liegen 17,8 Kilometer und damit die längste Etappe der Nacht. Vor diesem Lauf hatte sie ordentlich Bammel. Umso schöner, dass sie hinterher erzählt, wie sehr sie die Strecke sogar genossen hat.


Während Nazli und anschließend Valentin ihre Nachtetappen laufen, macht sich bei mir langsam die Müdigkeit bemerkbar. Um 4:41 Uhr startet Minh bereits zu seinem fünften Lauf und ich bin inzwischen ziemlich durch. Ich versuche, im Auto ein bisschen Schlaf zu bekommen, aber so richtig funktioniert das nicht. Kaum fallen mir die Augen zu, müssen wir schon wieder zum nächsten Wechselpunkt. Also weiterfahren, warten und irgendwie wach bleiben.


Kurze Ruhepause im Auto während des Altra Sunset Wattenmeer Staffellaufs. Ich versuche zwischen den Nachtetappen mit geschlossenen Augen etwas Schlaf zu finden.

Lauf 5: 4,9 km in 27:10 Minuten


Kurz, aber ganz schön intensiv. Meine Beine sind schwer. Die ersten drei bis vier Kilometer laufen noch einigermaßen, doch auf dem letzten Kilometer erwischen mich heftige Seitenstiche. Ich muss Tempo rausnehmen und bin einfach nur froh, als ich in Büsum ankomme.

Dort gibt es Pulverkaffee an der VP. Und was soll ich sagen? Der schmeckt in diesem Moment unfassbar gut. Schön warm. Wobei ich ehrlich gesagt glaube, dass mir zu diesem Zeitpunkt fast alles geschmeckt hätte.


Bei unserer Generalprobe von Kufstein nach München hatte die Verpflegung mit selbst gekochten Kartoffeln und Dextro Energy wunderbar funktioniert. Beim eigentlichen Rennen sieht das leider ganz anders aus. Zwischen den Wechseln bleibt kaum Zeit, um überhaupt etwas zu essen. Meistens greifen wir einfach zu dem, was im Auto liegt. Bei mir ist das zum Frühstück ein Proteinriegel. Nicht gerade das, was ich mir nach einer durchgemachten Nacht wünsche.


Überhaupt ist das Essen während der gesamten Veranstaltung eine ziemliche Katastrophe. Dabei wissen wir eigentlich, wie wichtig eine vernünftige Verpflegung bei so einer Belastung ist. Nur an der Umsetzung scheitert es gewaltig.

Während ich noch mit meinem Frühstück hadere, ist Nazli schon wieder unterwegs. Die nächsten neun Kilometer warten auf sie und pünktlich dazu setzt auch der Regen wieder ein.


Lauf 6: 10,4 km in 58:40 Minuten


Vor dem letzten Wechsel kaufen wir uns noch Kaffee und Kuchen. Nach einer komplett durchgemachten Nacht haben wir uns das wirklich verdient. Es ist inzwischen nach acht Uhr morgens und das Wetter wird immer ungemütlicher. Regen, Sturm und laut den Helferinnen und Helfern Windgeschwindigkeiten von bis zu 50 km/h. Caro kämpft sich durch das Wetter und braucht für ihre Etappe entsprechend länger.


Der Rest des Teams sitzt frierend und völlig übermüdet im Auto. Viel Energie hat inzwischen niemand mehr. Ich suche mir einen trockenen Unterstand und warte dort auf Caro.


Kaffee und Kuchen von der Verpflegungsstelle

Als Caro ankommt, steht ihr die Erleichterung ins Gesicht geschrieben. Die Übergabe ist kurz, viele Worte brauchen wir nicht. Jetzt wollen wir einfach nur noch ins Ziel. Ich starte deutlich schneller als geplant, mit ungefähr 5 min/km. Vor mir laufen zwei andere Teilnehmer und irgendwie packt mich noch der Ehrgeiz. Die beiden will ich einholen. Das motiviert mich.


Auf dem Deich Richtung St. Peter-Ording macht mir der kräftige Gegenwind allerdings noch einmal ordentlich zu schaffen. Nach etwa drei Kilometern kann ich endlich rechts in ein Waldstück abbiegen. Der Wind lässt nach und kurz darauf erreiche ich schon den Ort.


Deich vor St. Peter-Ording im Wind, Caro läuft die letzten Kilometer vor dem Wechsel bei Windgeschwindigkeiten von bis zu 50km/h

Wir drehen noch ein paar Kilometer durch St. Peter Ording, bevor es Richtung Strand geht. Hier bläst mir der Wind noch einmal ordentlich entgegen. Dafür zeigt sich plötzlich ein Regenbogen am Himmel. Was für ein schöner Moment nach dieser langen Nacht. Auf dem Sand wird das Laufen allerdings richtig mühsam. Meine Pace rutscht auf über 7 min/km und als wäre das nicht genug, verlaufe ich mich beinahe noch auf den letzten Kilometern. Ich folge brav ein paar Hütchen, statt auf das Richtungsschild zu achten. Wäre ja auch zu einfach gewesen.


Etwa 1,2 Kilometer vor dem Ziel meldet sich mein Team über WhatsApp und fragt, wo ich bleibe. Meine Antwort: „Komme gleich, aber langsamer.“ Viel mehr ist auf diesem Sand auch nicht drin.


In der Ferne erkenne ich das Ziel und biege gerade rechtzeitig auf den Steg in St. Peter-Ording ein. Dort nehme ich noch mal Tempo auf, während der Regen wieder einsetzt. Mein Team wartet bereits auf mich und gemeinsam laufen wir ins Ziel. Nach 22 Stunden und 25 Minuten und 251 Kilometern von Hamburg bis St. Peter-Ording haben wir es geschafft.


Medaillenbild nach 22 Stunden und 25 Minuten und 251 Kilometern von Hamburg bis St. Peter-Ording haben wir es geschafft.

Sechs Läufe, 49,3 Kilometer, 4:18 Stunden


Meine persönliche Bilanz: sechs Läufe zwischen 4,9 und 13,9 Kilometern, insgesamt 49,3 Kilometer in etwas mehr als 4:18 Stunden reiner Laufzeit. Im Schnitt rund 5:15 min/km, verteilt auf einen Nachmittag, eine ganze Nacht und den nächsten Vormittag.


Was sich auf dem Papier ziemlich unspektakulär liest, war in Wirklichkeit ein kleines Abenteuer. Fünf Menschen in einem Neunsitzer, die zwischen den Etappen versuchten, ein bisschen Schlaf zu bekommen, sich mit Kaffee, Crackern und versehentlich aufgegessenen Äpfeln über Wasser hielten. Und trotz Müdigkeit und Chaos standen wir an jedem Wechselpunkt pünktlich bereit.


Blick auf die Dünen in St. Peter Ording

Wenig Schlaf, viel mitgenommen


Aus der Generalprobe hatte ich mitgenommen, dass Wiedereinsteigen eine eigene Disziplin ist. Jetzt würde ich ergänzen: Wachbleiben auch. Das Essen war schlecht organisiert von mir, ein funktionierender Wasserkocher hätte einiges leichter gemacht. Schlaf gab es kaum und der Sturm am Morgen war kein Zuckerschlecken. Trotzdem ist es kein Wochenende, das ich mir schönreden muss. Die Fährüberfahrt nachts, der Regenbogen im Sturm, das gemeinsame Einlaufen über die letzten Meter, das bleibt hängen. Und die Erkenntnis, dass fünf Menschen mit wenig Schlaf und einem kaputten Wasserkocher trotzdem 251 Kilometer weit kommen, wenn sie es zusammen durchziehen.


Sunset Wattenmeer Run: Strecke, Teamgrößen und Tipps für deine eigene Teilnahme


Der Sunset Wattenmeer Run führt von Hamburg (Start am Fischmarkt) über Glückstadt, Brunsbüttel, Friedrichskoog und Büsum bis nach St. Peter-Ording. Insgesamt sind es 251 Kilometer, aufgeteilt in 30 Streckenabschnitte. Ein Standardteam hat 10 Läuferinnen und Läufer mit je drei Etappen und zwei Fahrzeugen. Ein Ultra-Team wie unseres hat 5 Personen mit je sechs Etappen und einem Fahrzeug. Zwei ähnlich erfahrene 5er-Teams können sich außerdem zu einem 5-Pack-Team zusammenschließen.


Die Strecke ist beschildert, zusätzlich gibt es GPX- und KML-Daten fürs Handy oder die Uhr. Jedes Team bekommt vorher ein digitales Kartenpaket und Zugang zu einem Captains-Meeting.


das team warten auf die Läuferin beim Wechselpunkt und verpflegt sich und feuert an.

Was ich allen mitgeben würde, die das selbst planen: Legt die Wechselpunkte vorher zumindest grob fest, damit ihr nicht nachts im Auto diskutiert. Nehmt für jeden Lauf ein trockenes Shirt mit, unabhängig von der Wettervorhersage. Und plant die Verpflegung realistischer, als ich es getan habe. Zwischen zwei Wechseln bleibt keine Zeit, um unterwegs etwas zu kaufen. Warmes Essen oder Wasser muss im Auto schon funktionieren, bevor es losgeht, nicht erst unterwegs improvisiert werden.


Nachts laufen, kaum schlafen, trotzdem weitermachen. Wärst du bei so einem Abenteuer dabei? Schreib’s mir gerne in die Kommentare.

 

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